Nach einem recht nüchternen Start am Morgen und etwas verwirrung mit den Wegmarkierungen hatte ich meinen Weg dann doch gefunden. Ich war es ein bisschen leid an der Landstraße lang zu laufen und so entschied ich mich für die etwas längere alternative Strecke nach Hospital de Órbigo. Der Anfang war auch schön und abwechslungsreich aber er führte bald auch an einer Straße lang die aber sehr ruhig war. Auf halber Strecke nach Villar de Mazarif holte ich einen deutschen ein und wir unterhielten uns eine ganze Weile. Im Dorf angekommen machten wir mangels einer Bar ( die hatten wir nur nicht gefunden es gab aber eine) vor einem kleinen Laden Pause. Den Rest der Strecke bis kurz vor Villavante lief ich dann erst mal alleine bis ich auf eine Schweizerin, traf. Wir quatschten ein bisschen und lenkten uns so gegenseitig ein wenig von den letzten Kilometer ab. Frisch gestärkt mit Kaffee und einer Limo ging es weiter Ich glaube ich habe in den letzten drei, vier Wochen mehr Limo getrunken wie in den ganzen letzten Jahren zusammen! Abgenommen habe ich trotzdem, leider schon zuviel wie ich fürchte.
In Villavante musste ich mich dann erstmal wieder von der Schweizerin verabschieden da sie sich spontan entschieden hatte dort in der Herberge zu bleiben und ich wollte ja noch wenigstens bis Hospital de Órbigo laufen, was ich dann auch ohne Probleme bewältigte. Ein schöner Ort und auch die große Römerbrücke über die man in den alten Kern läuft war faszinierend, aus dem Bauch raus bin ich aber dann doch noch weiter gelaufen bis Villares de Órbigo. Dort fragte ich in der einzigen Herberge nach einem Bett und es war noch genug frei. Ein schönes altes umgebautes Bauernhaus wo so richtig stielecht der Dielenboden bei jedem zweiten Schritt knarzt. In dem vierbett Zimmer in dem ich mitschlafen sollte sah es auf den ersten Blick aus als hätte eine Bombe eingeschlagen! Mitten drinn saßen zwei Mädels die verzweifelt am aus und umpacken waren und alles am einsprühen. Oha die armen, sie hatten in der vorherigen Herberge sich Bettwanzen eingefangen! Die Herbergsmama hatte aber alles im Griff und baute die zwei auch schnell wieder auf.
Ich war ehrlich gesagt zu faul heute um die übliche Handwäsche zu machen und da ich vor zwei Tagen auch schon mal mit einem Trockner geliebäugelt hatte, packte ich kurzerhand alles zusammen und fragte nach waschen und trocknen, das war kein Problem und so war das schnell erledigt. Später gab es dann in dem Innenhof ein gemeinsames Abendessen das wohl jeden Abend dort auf Spendenbasis stattfindet. Einen kleinen Grund zum feiern gab es auch noch. Wie wir dann beim Essen erfahren durften, hatte das Holländische Ehepaar just an diesem Tag die Herberge übernommen, also gekauft und sich so einen kleinen Traum erfüllt.
Irgendwie laufe ich im Moment von einem winzigen Ort mit toller Herberge zum nächsten kleinen Ort mit wieder einer toller Herberge und lasse die großen Orte mehr Links liegen. Nach einem verhältnismäßigen späten Frühstück machte ich mich auf die Socken nach Astorga, wollte ich doch etwa um 11:00 Uhr dort sein um dann noch weiter gehen zu können. Aus Villares de Órbigo raus merkte ich schon wie sich die Landschaft verändert hatte und einen Gegensatz zur Meseta war oh und was ein Sonnenaufgang heute Morgen! Bis kurz vor Astorga lief es sich auch richtig gut und man hatte im Vorort auch einen Super Blick auf die Stadt. Beim reinlaufen bin ich allerdings zwischendurch eeeetwas verzweifelt. Ja mein Orientierungssinn ist nicht immer der beste das gebe ich ja zu, aber … wenn ich verflixt noch mal die Kathedrale die ganze Zeit rechts von mir sehen kann und das sehr deutlich und die Wegweiser mich plötzlich nach links schicken kann doch was nicht stimmen! Ein älterer Herr sah meine verwirrung und zeigte aber auch deutlich an das ich Links abbiegen muss. Nagut, da ich auch andere Pilger vor mir sehen konnte folgte ich ihnen aber diesmal recht skeptisch. Nach einem kurzen aber steilen bergaufstück war die Welt für mich auch wieder in Ordnung denn jetzt ging es wieder rechts rum und fast gerade auf die Kathedrale zu. Die war schon beeindruckend wenn auch etwas wie reingequetscht auf dem engen Platz. Innen war sie bis auf die extrem im Barockstil geschmückten Kapellen, eher zurück haltend. Nach einer entspannten Runde durch die Kathedrale ging ich noch mal um eine Ecke zurück um in einer Bar was zu essen und einen Kaffee zu trinken. Dort war überhaupt nix los was ich nicht verstehen konnte, denn für direkt an der Kathedrale war es weder teuer und auch noch echt lecker!
Bis El Ganso meinem Wunschziel für heute war es stellenweise dann doch etwas einsam. Auf einem kurzen Stück bin ich mit einer kleinen Gruppe aus Dänemark und USA gelaufen aber auch nicht so lange. Es ist schon komisch ich genieße die unabhängigkeit und das allein sein schon auch, aber genauso freue ich mich mit dem ein oder anderen zusammen zu laufen. Meine Kanadische Familie ist nur einen Tag hinter mir ich hoffe das es klappt und sie mich noch vor Santiago wieder einholen, sie fehlen mir schon zwischendurch.
So bescheuert, verrückt oder wie immer ihr es nennen wollt, es gibt tatsächlich noch was anderes was mir zwischendurch fehlt, mein Sport! Ja das hört sich völlig bescheuert an da ich ja den ganzen Tag in Bewegung bin. Es ist auch nicht wirklich das Basketball oder Zumba was mir fehlt, es ist mehr diese eine Stunde Gymnastik in der Woche. Klar könnte ich das auch abends in der Herberge für mich selbst machen, aber erstens will ich nicht zur allgemeinen belustigung mehr als nötig beitragen und zum anderen fehlt auch in der Regel der Platz dafür. Da muss ich jetzt durch bis ich wieder zu Hause bin.
Das war ja heute Morgen eine ganz neue Erfahrung für mich. Normalerweise gehöre ich zu dem letzten drittel im Raum beim aufstehen und loslaufen. Heute war ich tatsächlich mit meiner üblichen Zeit bei den ersten!
Auf dem weg nach Rabanal musste ich an einer Stelle anfangen über mich selbst zu lachen. Ja ich kann sehr gut vor mich hinträumen beim laufen und da ist es sehr gut das die Augen – Hirn Koordination trotzdem einwandfrei funktioniert. Wer nicht so gut mitspielt in diesem System ist immer mal ein Fuß, dem ist es egal wenn Auge und Hirn ihm sagen, schau mal da ist eine schöne flache Stelle auf dem Boden mit viel Platz zum hintretetn. Der eine Fuß sagt nur pah der Stein kurz vorher ist doch viel netter zum drüber stolpern! Zum Glück ist in der Regel der andere Fuß dann der bessere Teamplayer und sagt auf die Nase fallen ist doof und tut weh, ich fange mal lieber das ganze System auf.
So packe ich es dann trotz Tagträumerei unbeschadet selbst kleine und schmale, steinige Pfade zu laufen ohne mich auf die schn*** zu legen 0:)
Etwas mehr als zwei Stunden später erreicht ich das Cruz de Ferro. Das war schon auch ein besonderer Moment ich konnte es ganz gut schon vorrab sehen und auch das nicht so viel los war wie erwartet. Ich ließ mir Zeit und wartete etwas bis ich tatsächlich auch alleine oben meinen Stein ablegen konnte. Der Augenblick alleine war leider nicht wirklich lange und so setzte ich mich gegenüber auf eine Bank und beobachtete ein wenig das treiben während ich meine getrockneten Bananen knabberte. Jetzt bin ich schon etwa zwei Drittel des Weges gelaufen und ich gehe jetzt wirklich dem Ende, also Santiago entgegen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Noch nicht mal vor vier Wochen hatte ich rund 800km vor mir und ja ich ich wollte sie schaffen, aber ob ich es auch wirklich schaffen würde oder konnte das war ja noch offen. Wie schnell es vorbei sein kann das man es nicht schafft nach Santiago zu gehen habe ich leider einige male mitbekommen. Sei es dadurch das man sich übernommen hat und zu schnell unterwegs war, was ich ja auch am Knie gemerkt hatte, oder durch einen dummen Unfall wie umknicken oder in ein Schlagloch treten. Der Abstieg vom Cruz de Ferro hatte sich zwar gezogen und war auch anstrengend bis zum nächsten Ort El Acebo, hatt aber auch richtig Spaß gemacht! Zwischendrin musste ich unbedingt eine kurz Rast bei Tomás, einem selbsternannten Ritter, einlegen in seiner selbst zusammen gezimmerten Unterkunft mit Plumsklo.
So wie der Weg heute ist hatte ich mir den Camino eigentlich mehr vorgestellt durch schöne Landschaft über stock und Stein auf teilweise sehr schmalen Pfaden. In El Acebo angekommen machte ich erst mal eine längere Pause und hatte ein spätes Mittagessen. Spontan hatte ich mit einer Dänischen Frau vom Vortag mich zusammen gesetzt.
Ein Blick auf die Uhr sagte mir das ich langsam wieder in die Pötte kommen musste da ich noch einen Ort weiter wollte und dafür nochmal etwa eine Stunde rechnen musste. In Riego de Ambrós angekommen stand ich ein paar Minuten unentschieden vor der Herberge und diskutierte mit mir selbst was ich machen sollte. Die Herberge sah nicht so einladend aus es war aber auch schon fast vier Uhr Nachmittags. Nach einem Blick in den Reiseführer entschied ich mich den kompletten abstieg bis Molinaseca doch noch zu machen. Es waren noch mal etwa 5,5 Kilometer und ich rechnete je nach beschaffenheit des Weg, mit etwa anderthalb Stunden bzw. spätestens um 18:00 Uhr sollte ich angekommen sein. Herbergen gibt es auch genug und so machte ich mich weiter.
In Molinaseca endlich angekommen hatte ich direkt in der ersten Herberge die mir über den Weg lief angefragt und auch noch ein Bett bekommen. Dort traf ich zum einen wieder auf die Hamburgerin von der vorherigen Herberge zun anderen stellte ich fest, ich hatte mir tatsächlich meine erste Blase gelaufen!
Das hatte mich aber nicht davon abgehalten noch mal ein Bier trinken zu gehen 😉
Zusammen mit der Hamburgerin zog ich morgens nach einem eher einfachen Frühstück los. Wir hatten schon am Tag vorher gesehen das wir ungefähr das gleiche Tempo haben beim laufen und wir wollen mal schauen wie weit wir zusammen kommen. In Ponferrada machten wir unseren ersten Stopp zum einen um ein zweites Frühstück zu haben und zum anderen um die Kirche und die Templerburg wenigsten von außen (wir waren viel zu früh da) zu besichtigen. Laut unserem Outdoor Führer sollte die Nächsten 18km nichts mehr großartig an möglichkeiten sein, was aber nicht ganz stimmte. Nacheinander kamen wir durch mehrere kleine Dörfer. Zwischendurch ist die Hamburgerin mal früher losgezogen aber in Cacabelos hatte ich sie wieder eingeholt. Da wir beide noch genug Energie über hatten sind wir noch weiter bis nach Villafranca del Bierzo gelaufen wo sie in der Herberge einen alten Bekannten wieder getroffen hatte mit ihm ist sie die ersten paar Wochen zusammen gelaufen. Die Herberge hatte so ein bissl was von Hippie Comune gehabt aber das gemeinsame Essen am Abend war sehr lustig und auch lecker.